10 Jahre LYRA

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Rede des ersten Vorsitzenden

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10 Jahre LYRA

Frau Bürgervorsteherin, Herr Bürgermeister, sehr geehrte Mitglieder des Fachausschusses für Bildung und Kultur, verehrte Vertreter weiterer kultureller Einrichtungen in Brunsbüttel, liebe LYRA-Mitglieder, sehr geehrte Damen und Herren von der Presse, meine Damen und Herren, ich freue mich, sie alle auch im Namen des LYRA-Vorstandes und der Hausherren, Suse und Jens Rusch hier im Stammsitz von LYRA zu diesem Empfang begrüßen zu können. Seien Sie alle herzlich willkommen zu Rückbesinnung und Ausblick, wie man das an so einem Tage macht.

LYRA- ein Kulturverein, wie er meiner Meinung nach einer Stadt wie Brunsbüttel wohl ansteht – und eine wesentliche Bereicherung der Wohn- und Lebensqualität dieser Stadt darstellt. So hatten meine Frau und ich als langjährige LYRA-Mitglieder empfunden und, wie ich aus Gesprächen mit anderen Bürgern dieser Stadt weiß, empfinden es auch andere so. Kein Wunder, kann Lyra, die Galerie Rusch und die Stadt Brunsbüttel doch stolz darauf sein, unter anderen Geistesgrößen wie Hellmuth Karasek, Sarah Kirsch, Harry Rohwolt und Karen Duve, Uwe Friedrichsen, Ralph Giordano, Hannelore Hoger, Doris Gercke, Günter Kunert und Walter Kempowski zu Vorstellungen in ihren Mauern empfangen zu haben. Auch die (unvollständige) Liste der hier aufgetretenen international bekannten Musik-Interpreten liest sich wie ein „who-is-who“ der Akustik-Szene: Pierre Bensusan, Jimmy Wahlsteen, David Qualey, Werner Lämmerhirt, Peter Finger, Jan Hengmith und Ulli Bögershausen sind hier in unserer Stadt in der Galerie Rusch aufgetreten.

Dies alles sollte Ende letzten Jahres zu Ende sein? Nein, hatten die LYRA- Mitglieder gesagt und ein Konzept zur Entlastung des bisherigen „Fast-Alleinunterhalters“ von LYRA, Jens Rusch erstellt. Dieses Konzept wurde einschließlich der Wahl eines neuen Vorstandes Anfang Dezember letzten Jahres verabschiedet. Die bisherigen Veranstaltungen haben gezeigt, dass die Arbeit der engagierten LYRA-Mitglieder, die sich hierfür zur Verfügung gestellt haben Früchte trägt und dadurch Lyra, wenn es so weiter geht, eine gute Zukunft hat.

Hierfür möchte ich allen LYRA-Mitgliedern, die durch ihre Beitragszahlungen sowie durch kraftvolle Zu- und Mitarbeit zum Erfolg und Fortbestehen von LYRA beitragen ganz herzlich danken- durch sie lebt dieser Verein. Danken möchte ich den Vorstandmitgliedern für die vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit, die mir viel Freude bereitet. Danken möchte ich vor allem aber den Hausherren der Galerie Suse und Jens Rusch für die Zurverfügungstellung dieser wunderschönen Räumlichkeiten für die LYRA-Veranstaltungen und Jens Rusch als Initiator und langjährigem Motor von LYRA im ganz Besonderen.


Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.

Dieter Wölfert


Erster Vorsitzender

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Rede Bürgermeister Stefan Mohrdieck

10 Jahre Förderverein für Kulturarbeit LYRA

Sehr geehrter Herr Wölfert, Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Jens Rusch, liebe Frau Rusch,

ich überbringe auch im Namen der heute anwesenden Bürgervorsteherin die herzlichsten Glückwünsche der Stadt Brunsbüttel zum Jubiläum des Fördervereins.

Was ist Kultur meine Damen und Herren?

Nun, wenn man es nicht selber genau weiß, muss man jemanden fragen der sich auskennt oder nachschlagen. Im Brockhaus heißt es hierzu: In seiner weitesten Verwendung kann mit dem Begriff Kultur alles bezeichnet werden, was der Mensch geschaffen hat, was also nicht naturgegeben ist. Diese Begriffsbestimmung ist mir noch zu allgemein, zu weitgehend. Weiter heißt es dann: In einem engeren Sinne bezeichnet Kultur die Handlungsbereiche, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzusammenhang gestaltende Produkte, Produktionsformen, Lebensstile, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen hervorzubringen vermag (Traditionen, Brauchtum), weswegen dieser Kultur-Begriff nicht nur das jeweils Gemachte, Hergestellte und Künstliche betont, sondern auch das jeweils moralisch Gute der Kultur anspricht. Hiermit komme ich schon besser klar: Nicht nur auf die Produkte, sondern auf kollektive Sinnzusammenhänge, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen kommt es an – also auch das jeweils moralisch Gute der Kultur wird angesprochen.


Sinnzusammenhänge und Leitvorstellungen anderen mitzuteilen, hierauf kam es dem Gründer des Fördervereins Jens Rusch sicher an, als er sich vornahm, einen Verein zu gründen, der seine Stadt bereichern sollte. Auf wenig bis gar kein Verständnis stieß er bei den Verantwortlichen im Kulturausschuss. „Der sucht doch nur eine Möglichkeit, seine Bilder zu verkaufen“ – diese und ähnliche Kritik stieß ihm entgegen, als er sich bemühte, die kulturelle Vielfalt in Brunsbüttel aufrecht zu erhalten.


Aber Jens Rusch wäre nicht er selbst, wenn er sich durch diese Ablehnung nicht erst recht angetrieben fühlte, den Verein zu gründen um seine Ziele zu erreichen. Auch wenn der Start mit öffentlichen Zuschüssen leichter gefallen wäre, so muss man es im Nachhinein als glückliche Fügung bewerten, denn mit großem Engagement und der ihm eigenen Kreativität ist es gelungen, im Laufe der Zeit ein beeindruckendes Programm von hoher Qualität auf die Beine zu stellen. Weltklassekünstler geben sich die Klinke in die Hand und fühlen sich sehr wohl in der familiären Atmosphäre. Die Anzahl der Mitglieder konnte auf über 250 gesteigert werden. Damit verfügt der Verein über eine beachtliche Zahl von Unterstützern und damit über einen stabilen Rückhalt. Nachdem Jens Rusch dann aufgrund der hohen Belastung im letzten Jahr Alarmsignale gesendet hat, ist es zum Glück gelungen, den Fortbestand des Vereins zu erzielen. Auch dieses Ergebnis zeigt, wie leistungsfähig die Mitgliedergemeinschaft ist!

Den Vorstandsmitgliedern möchte ich an dieser Stelle hierfür nochmals meinen Dank aussprechen! Kultur wird meines Erachtens zukünftig noch wichtiger für die Menschen. In unserer immer schneller werdenden Welt, in der die Gewinnsteigerung zunehmend im Vordergrund steht, wird es für uns Menschen immer wichtiger, zu verschnaufen und den Blick für das Schöne zu öffnen, das Leben zu genießen und zu verstehen, dass man Geld nicht essen kann. Die Musik, das Bild oder das gesprochene Wort können uns helfen, diesen Weg zu finden. Hierin sehe ich unter anderem das moralisch Gute, das uns die Kultur zu vermitteln vermag. Das vielfältige Angebot Ihres Vereins hat unsere Stadt in den letzten 10 Jahren sehr bereichert, es ist daher aus Brunsbüttel nicht mehr wegzudenken! Die Leistungen, die Sie hier alle ehrenamtlich erbringen, können wir alle gar nicht hoch genug bewerten. Bei Ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Förderverein für Kulturarbeit wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg und für die Zukunft alles Gute!

Stefan Mohrdieck Bürgermeister

Rede Jens Rusch

Ich mag mich täuschen, vielleicht klingt das auch anmaßend, aber ich finde eine zehnjährige Kulturarbeit, die durch bürgerliches Ehrenamt erfüllt wird, ist es Wert, in einem kleinen Exkurs dargestellt zu werden.

Es hatte eine Vorgängerversion gegeben, einen Prototypus gewissermaßen, der sich uns aber nach einem Vorstandswechsel völlig entfremdet hatte. Auch den "Kulturring" hatte ich vor vielen Jahren in dieser Stadt gegründet. Die Ausgangsposition war im Grunde sehr ähnlich.

Aber unterschiedliche Menschen interpretieren Begriffe wie "Förderverein" oder "Vernetzung" oder "Kultur-Plattform" doch bisweilen sehr unterschiedlich. Eigentlich ist das auch gut so. Was sich dann aus eigener Kraft behauptet, bedarf dann auch keines Berechtigungsnachweises mehr.

Zwischen Lyra und dem Kulturring liegen für meine Frau und mich 17 ausgesprochen prägende Lebensjahre in einem völlig anders strukturierten kulturellen Umfeld. In der spanischen Künstlerstadt Altea lebten wir inmitten von über 160 Künstlern und in einer Infrastruktur, die sich um diese Künstler herum entwickelt hatte.

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Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Ballett-Tänzerinnen und Tänzer, Kabarettisten - eben alle erdenklichen Fakultäten weiblicher und männlicher kreativer Menschen prägten und prägen diesen Lebensraum. Touristisch wird das längst verwurstet, Altea nennt sich "Die Künstlerstadt an der Costa Blanca".

Künstler streiten sich, disputieren auf völlig unterschiedlichem Niveau, helfen sich aber auch und stellen sich gegenseitig Werkstätten zur Verfügung, bilden auch schon mal Gruppen oder veranstalten thematische Gemeinschaftsausstellungen.

Die Banken entsprachen diesen Gegebenheiten und stellten üppig ausgestaltete Ausstellungsmöglichkeiten, Werbemittel und Kataloge zur Verfügung. "Keine Bank ohne Steinway-Flügel" kursierte als Bonmot in der kreativen Szene, denn man hatte durchaus gelernt, sich das Wetteifern der Banken um Prestige und werbewirksames Engagement zu Nutze zu machen..

1995 erwarben wir dann diese alte Schule mit dem maroden Erdgeschoss, welches wir mit unserem Ersparten nach Kräften renovierten.


Man kann sich sicher leicht vorstellen, dass uns Vieles, was wir am Künstlerleben liebgewonnen hatten - und was wir auch für das eigene Schaffen für unentbehrlich hielten und halten, hier auf oft bedrückende Weise fehlte.

Dieter Nuhr drückte es kürzlich so aus: " Provinz ist dort, wo man Lehrer für Intellektuelle hält". Ich möchte das gern aus eigener Sicht ergänzen: "Provinz ist dort, wo man Kunsterzieher für Künstler hält".

Wieder im Norden, in unserer Heimatstadt angelangt, traf uns das Geflecht eng strukturierter , sagen wir mal "gegenseitiger Begünstigung" mit voller Härte. Ausgrenzung, Ablehnung, Diffamierung. Wo die Gründe dafür lagen, sollten wir erst im Laufe der Jahre nach und nach erfahren und noch später auch begreifen.

Die Notwendigkeit, selbst eine Galerie zu eröffnen, war also vor diesem Hintergrund zwingend, um überhaupt eine existentielle Grundlage zu haben. Künstler sind darauf angewiesen, Ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Auch der oft aufdringlich wirkende Exhibitionismus nahezu aller Künstler hat hier seine lebensnotwendigen Ursachen.

Die Galerie war gerade fertig ausgebaut und wir hatten bei der Planung bereits leicht verstellbare Trennwände integriert, um nicht nur die Wände mit Bildern zu füllen, sondern den dazwischen stehenden Raum mit Sinn. Konzerte und Lesungen gehörten zum Konzept, weil wir das aus Altea gar nicht anders kannten. Eine Bildergarage war für uns unvorstellbar und tot.

Da erreichte mich 2001 die apokalyptische Diagnose, die zunächst alle Ideen und Pläne zunichte zu machen machen drohte. Der Kampf gegen den Krebs forderte über ein halbes Jahr vollsten Einsatz und brachte uns an den Rand unserer - auch wirtschaftlichen-Existenz.

Es ist die große Leistung meiner Frau, mir immer wieder Aufgaben zu stellen, die meiner Überzeugung und meinen Neigungen entsprechen. Keine Chance also für Depression oder Misanthropie - schon aus zeitlichen Gründen. Und so folgten wir inmitten eines therapeutischen Höllenrittes dem Rat von Dr. Wolfgang Plüghan und gründeten ein zweites Mal einen Förderverein für Kulturarbeit in dieser Stadt.

Nachdem Lyra am 7. März 2002 gegründet und ins Vereinsregister eingetragen worden war, ging ich erneut ins Uni-Klinikum Kiel, ließ mir Schläuche durch Hals und Zunge bohren und leistete eine bestrahlungstechnische "Plansollübererfüllung".

Das Lyra-Programm wurde also in dieser Phase überwiegend vom Krankenbett entwickelt und musste mangels wirtschaftlichem Hintergund fast völlig mit Bordmitteln bewältigt werden.

Aber Veranstaltungen können selten kostendeckend sein, wenn sie ambitioniert und nicht auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet sind. Schon nach einem Jahr stand Lyra fast vor dem wirtschaftlichen Aus und jede weitere Veranstaltung schob uns in eine düstere Zone.

Kulturelle Ansprüche sind in dieser Stadt weniger gewachsen, sie wurden zumeist importiert. Führungskräfte ortsansässiger Industriebetriebe brachten und bringen Ansprüche aus deutschen Metropolen in die Schleusenstadt - die hier durch das Elbeforum nur zum Teil erfüllt werden können. Hilfestellung erhielten wir auf unsere Bitten um Unterstützung dann auch in den ersten Jahren hin und wieder aus diesem Bereich.

Die Worte Subkultur und Kleinkunst etablierten sich im Sprachgebrauch des Bildungsausschusses der Ratsversammlung - wir konnten damit gut leben und entwickelten trotzigen Ehrgeiz.

Namen wie Sarah Kirsch, Walter Kempowski, Günter Grass und Hellmuth Karasek mit diesem Prädikat zu subsumieren erklärt sich von selbst als Fehleinschätzung, das muss man glücklicherweise nicht kommentieren.

Dann geschah etwas, was in dieser Stadt offensichtlich gut funktioniert und uns auch bei der Gründung der Wattolümpiade ungewollt und ungerufen von hohem Nutzen sein sollte: Empörung über Fehleinschätzungen schafft gemeinsame Feindbilder und damit eine überaus kraftvolle Solidarität.

Aus dem Personenkreis um Lyra heraus entstanden neue Strukturen, die wir inzwischen geschickt miteinander verbinden.

Viele Interpreten, die ihren ersten Auftritt bei Lyra hatten, standen später auf der Wattstock-Bühne. Die wirksamste Solidarität erhielten und erhalten wir aus den Kreisen arrivierter Musiker. Ihre Namen zieren die Lyra-Interpretenliste und verleihen unserer Homepage einen würdigen Glanz. Der hohe Grad ihrer jeweiligen Prominenz erbrachte uns weitere Popularität und auch auf künstlerischen Gebiet gegenseitige Akzeptanz.

Und damit wären wir wieder am Ausgangspunkt dieses kleinen Exkurses. Nach zehn Jahren ist aus einer fragilen Kopfgeburt, aus einem kulturellen Unbehagen und aus einem Koffer voller mitgebrachter Ideen und Wünsche eine der kraftvollsten kulturellen Vereinigungen der Westküste geworden.

Um uns herum steuert inzwischen eine handvoll von Menschen mit ähnlichen Ansprüchen die Geschicke des Vereines - und als Remineszenz an unsere Starthelfer aus der ortsansässigen Industrie würde ich sagen: "Wir haben bei Lyra alle ein sehr ähnliche Chemie."

Der Verein ist mit seinen rund 250 Mitgliedern relativ autark und demütigende Betteleien gehören schon seit Jahren der Vergangenheit an. Genaugenommen entlasten wir jetzt den Kulturhaushalt der Stadt .

Die schönste Anerkennung unserer zehnjährigen Aufbauarbeit ist für meine Frau und mich jedoch, dass ein vitaler neuer Vorstand nahtlos und ohne jegliche Einschränkung uns einen sehr großen Teil der Mühen von den Schultern genommen hat. Eine Marschrichtungsänderung wie damals beim Kulturring hat es also nicht gegeben.

Jens Rusch am 7. März 2012



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