Gerhard Henschel
Aus Lyra
Fabelhafte Lesung, ganz wie erwartet. Leider wieder mit zu wenig Publikum. Aber damit liegen wir im bundesweiten Schnitt. Wir klagen nicht, sondern freuen uns über einen literarischen Abend, der uns Witz uns Intellekt auf sympathische Weise nahebrachte.
Artikel aus der BZ:
Wütende Abrechnung und Zeitreise durch die Popgeschichte
Gerhard Henschel begeistert mit seiner literarischen Kompositionskunst in der Galerie Rusch
Von Dr. Michael Mahlstedt
Brunsbüttel – Der Pressevertreter krachte mit seinem Stuhl zusammen. Und auch sonst ging’s am Freitagabend in der Galerie Rusch recht munter zu.
Denn dort las der Hamburger Lyriker, Erzähler und Essayist Gerhard Henschel (44) aus seinen Werken vor – ein Autor, der vor Provokationsgeist und Witz nur so strotzt. Erst kürzlich hat er sich mit Deutschlands größter Boulevardzeitung angelegt – in seinem Buch „Gossenreport – Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“. Klar, dass er seinen Zuhörern ein paar Kostproben aus dieser wütenden Abrechnung mit dem Vulgärjournalismus präsentierte. Klar wurde aber auch, dass man sich beim Schreiben von seiner Wut nicht überwältigen lassen darf, und sei sie noch so berechtigt. Denn sonst wird sie zur puren „Entrüstungslitanei“ – um ein Wort aufzugreifen, das eine wohlmeinende Henschel-Kritikerin verwendet hat. Wer ständig mit Wörtern wie „Gesocks“, „Schweinehorde“ und „Bumsjournalismus“ um sich wirft, gerät schnell in den Verdacht, nicht mehr klar denken zu können – was bei Henschel ganz gewiss nicht zutrifft.
Dass der Hamburger Schriftsteller nicht nur ein unerschrockener Pamphletist, sondern auch ein sehr guter Erzähler ist, bewiesen Episoden, die er aus seinem autobiografischen „Kindheitsroman“ und dem Roman „Der dreizehnte Beatle“ vorlas. Er beherrscht die Kunst, mit wenigen Worten Situationen zu umreißen, Figuren darzustellen. Bei ihm wird immer nur das Notwendigste gesagt, das aber mit meisterlicher Anschaulichkeit, wie zum Beispiel die Passage über den jungen Kaufhausdieb bewies, die der Autor aus seinem „Kindheitsroman“ vorlas.
Vorzüge, die auch der Pilzkopf-Hommage „Der dreizehnte Beatle“ zugute kommen, deren Held Billy Shears anno 2004 von einer guten Fee eine Zeitreise ins Swinging London des Jahres 1966 spendiert bekommt. Dort will er nachträglich verhindern, dass sein Idol John Lennon den „Spaltpilz“ Yoko Ono kennen lernt. Doch damit richtet er ein heilloses Chaos an, bringt die ganze neuere Popgeschichte durcheinander – und sein Privatleben noch dazu.
Wunderbare Gelegenheit für Gerhard Henschel, alle Register seiner Phantasie und seiner literarischen Kompositionskunst zu ziehen. Bewundernswert, wie kunstfertig und witzig er die verschiedenen Zeit- und Wirklichkeitsebenen miteinander verknüpft!
