Rückblick Hellmuth Karasek
Aus Lyra
Hellmuth gegen Alzheimer 4:0
Literaturkritiker und Autor Hellmuth Karasek brachte Lyra-Publikum zum Lachen
Von Thies Jonas
Brunsbüttel – Der „Süße Vogel Jugend“ lässt den Alten nicht aus seinen Klauen und zeigt dem Rentner bei jeder Gelegenheit, wie weit er sich entfernt hat. Hellmuth Karasek (73) las und erzählte in der Galerie Rusch vom Altsein. Sein neuestes Buch „Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten“ beschreibt auf minutiöse Weise selbstironische, komische und manchmal auch leicht tragische Anekdoten aus dem Alltag eines Alten, der sich seiner Jahre nur zu deutlich bewusst wird.
So wie Karasek da an seinem Lesepult agiert, vermittelt er jedoch nicht den Eindruck eines senilen und vergesslichen Rentners – viel eher wirkt er spritzig, spontan und schlagfertig. Immer wieder unterbricht sich der Autor selbst, erläutert einzelne Details der Passagen oder schiebt Zitate großer Denker ein. Bereits zum dritten Mal las er nun bei Jens Rusch, dem es zu verdanken ist, dass Karasek stets wieder in Brunsbüttel vorbeischaut. Zunächst erklärt der 73-Jährige den langen Titel seines Werkes, der sich aus einem Titel von Tennessee Williams und einem Zitat von Karl Kraus zusammensetzt, und nennt das Motto des Buches: „Alter ist immer noch das einzige Mittel, das man entdeckt hat, um lange zu leben.“ (José Ortega y Gasset) Bei dem Kritiker aus dem legendären „Literarischen Quartett“ scheint allerdings noch ein weiteres hinzuzukommen: die vielseitige geistige Umtriebigkeit. Auf die Schreibintention angesprochen, antwortet Karasek: „Während meine Großeltern noch mit 60 Jahren starben, werden heute alle mindestens 80 Jahre alt“, da steige das Demenzrisiko sprunghaft an. Die Gesellschaft altere zunehmend, Senioren würden verstärkt zur Zielgruppe der Wirtschaft. So sei kürzlich seine Versicherung auf ihn zugekommen und habe ihm eine Versicherung für den Fall der „totalen Debilität“ angeboten. Ein Ereignis, das ihm zu denken gibt. Das Publikum der Lesung ist selbst zumeist ergraut und lacht wissend über die kleinen Tollpatschigkeiten eines stolzen Alten. Karasek betont, dass „Süßer Vogel Jugend“ eine Biographie, keine Autobiographie ist. Eine Beschreibung einer, nämlich seiner Generation. Dass er komische Alltagssituationen darstellt, danken ihm die etwa 80 Zuhörer mit herzlichem Lachen. Am Ende gehen die Besucher bestens unterhalten nach Hause. „Da kommt richtig was rüber. Karasek ist witzig und hat Esprit. In vielen Sätzen erkennt man sich wieder“, meint Lore Martens (81) aus Brunsbüttel. Sie kennt den Literaturkritiker aus dem Fernsehen. Ihre Freundin Erika Suhr (73) liest jeden Montag Karaseks Kolumne im „Hamburger Abendblatt“ und schneidet sie regelmäßig aus. „Er hat mir eben versprochen, mir ein Buch seiner gesammelten Kolumnen zu schenken, wenn er nächstes Frühjahr wiederkommt“, freut sich Suhr. Doch auch die jüngeren Zuhörer können mit Karaseks Ausführungen etwas anfangen. „Es ist sehr angenehm, ihm zuzuhören, er ist amüsant und präsent“, sagt Inga Wölfert (30) aus Itzehoe. Ihre Mutter Sigrid (59) bewundert besonders die Selbstironie des Autors. Die Brunsbüttelerin „gewann“ die letzte Widmung, indem sie sich lautstark meldete, als Karasek fragt, wer denn noch ein Buch signiert haben wolle. Spätestens jetzt wird klar: Der Journalist, Autor, Dramaturg, Kritiker und vierfache Vater hat die Fähigkeiten eines Entertainers, imitiert Marcel Reich-Ranicki sowie Edmund Stoiber und trägt den Text so vor, als erzähle er zwischen Tür und Angel. Wer derart mit den Tücken des Älterwerdens und Altseins umzugehen weiß wie Karasek, der kann eine Menge Spaß damit haben und vermitteln.
P Hellmuth Karasek, Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten, Hoffmann und Campe, 272 Seiten, 18,95 Euro.
