Rückblick Jimmy Wahlsteen
Aus Lyra
Rückblick
Dieses herausragende Konzert mit Jimmy Wahlsteen bildete den Abschluß des Lyra-Frühjahrprogrammes - und es war in der Tat außergewöhnlich. Die Gitarrenpolizei in den ersten Reihen, die gebannt auf seine Fingerpicking-Rituale starrte, bemerkte erst nach genauem Hinsehen, daß er auf den Daumen der linken Greifhand einen schweren Ring gesteckt hatte, mit dem er sich seinen eigenen Rythmus wie mit einer Cajón am Gitarrenhals erklopfte. Daß der Daumen der rechten Greifhand Bassläufe erzeugt, während Mittel- Ring- und kleiner Finger ihre ihnen zustehenden Saiten bezupften, ist zwar Pickingstandard, daß er aber währenddessen im gekrümmten Ringfinger ein Plektrum verbarg, beileibe nicht. Dieses schnellte er lediglich in markanteren Soli-Sequenzen hervor und versteckte es danach wieder. Gänzlich bemerkenswert dürfte aufmerksamen Gitarren-Profis jedoch beim Signieren der Wahlsteen-CDs gewesen sein, daß er eigentlich Linkshänder ist. Wie bei allen Virtuosen gehört das Wiederholen kompliziertester Licks ebenfalls zum Standard, damit niemand auf die Idee kommen möge, das Furiosum sei zufällig und improvisiert zustandegekommen. Insgesamt eine kognitive Leistung, die auf eine gewisse Genialität verweist, die man Jimmy Wahlsteen in seiner Bühnenpräsenz gar nicht anmerkt. Der Fluss der Darbietung wirk so selbstverständlich, wie man es sonst nur von weit älteren und routinierteren Bühnenprofis erwarten dürfte.
Als Solist muß Jimmy Wahlsteen auf seine gewohnten Mitmusiker verzichten und schafft sich auf sehr redliche Weise eigene Boss-Loops, die er innerhalb seiner eigenen Kompositionen immer mehr verdichtet. So ist auch das Video in der Lyra-Ankündigung entstanden, in welchem er mit sich selbst gleich viermal ein Bahnabteil betritt und sich darin selbst begleitet.
Nach Tourneen und Auftritten in Kanada und den USA, sowie natürlich in seiner Heimat Schweden gelang es ihm mühelos, sich auch hier ein Publikum zu erobern, daß sich auf einen weiteren Auftritt in zwei Jahren in der Galerie Rusch freuen darf. Vorausgesetzt, wir können ihn dann noch bezahlen.
Sound und Technik
Soundcheck und Bühnentechnik lagen- wie immer- in bewährten Händen. Michael Behrendt erntete verdientes Lob seitens des Interpreten und des Publikums. Die Galerie ist diesbezüglich nicht unproblematisch, da sie auch ohne Verstärkung bereits über eine brauchbare akustische Eigenständigkeit verfügt. Verdiente Puristen unter den Gitarristen neigen sogar dazu, völlig unverstärkt zu spielen. Kommen elektronische Komponenten hinzu, kann es leicht zu Rückkopplungen und unerwünschten Feedbacks kommen, die in einem ausgeklügelten Soundcheck ausgemerzt werden müssen. Michael Behrendt kennt die Räumlichkeiten von zahlreichen anderen anspruchsvollen Soundchecks wie seine Trainingsjackentasche und sorgt für einen brillanten Sound, der weit über Musikkneipenklangteppiche hinausgeht.
