Situation 2014

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Situation 2014

Von Jens Rusch, geschrieben am 27. November 2014


Kultur ist stetem Wandel unterworfen. Kreative Impulse bedeuten Progress. Das bringt Unwägbarkeiten mit sich - und Veränderungen. Die können durchaus positiver Art sein, sogar in Krisen und Turbulenzen. Voraussetzung ist, dass ein Nährboden vorhanden ist, auf dem Solidarität gedeihen kann.

Mann erwartet von Künstlern gemeinhin Fatalismus und Risikobereitschaft. Das alte Klischee, nur Not würde Großartiges gebären, wurde Komponisten, Musikern und Malern in vergangenen Jahrhunderten oft genug zum Verhängnis. Berufsverbände haben heute die Rolle der großen Mäzene der vergangenen Jahrhunderte übernommen, um existentielle Not von den Künstlern abzuwenden. Das allein ernährt jedoch deren Familien nicht. Interpreten aller Fakultäten benötigen für Ihre Existenz auch ein Publikum. Je nach Arriviertheit ein Stadion oder eine kleine Bühne. Hier wird jedoch nicht ausschließlich der Lebensunterhalt gesichert - je nach Anspruch regeneriert sich hier auch die künstlerische Psyche. Künstler erproben sich zudem gern zunächst auf kleinen Bühnen, bevor sie ins große Licht treten.

An dieser Schnittstelle erhalten auch kleine Clubs oder mittlere Locations, wie unsere Galerie, eine gewisse Bedeutung. Oft genug konnte hier in unserer zwölfjährigen Vergangenheit im Schulterschluß mit prominenten Interpreten auch Nachwuchsförderung betrieben werden. Michy Reinckes "Lauschlounge" mag als exemplarisches Beispiel dienen. Auch die Wingenfelders erprobten hier ihren Paradigmenwechsel in unterschiedlichen Konstellationen.

Von dieser intimen Gesamtsituation profitieren neben den Künstlern in aller Regel auch die Besucher dieser kreativen Zusammenkünfte, jedenfalls, wenn sie sich offen und aufnahmebereit auf die Situation einlassen.

Wir haben in zwölf Jahren ein gewissermaßen perfektes Ambiente mit entsprechender Tontechnik, Lichtsteuerung und einer dichten Öffentlichkeitsarbeit aufgebaut. Ein flächendeckendes Informations-Netzwerk und eine Finanzierungsbasis durch nahezu 250 Mitglieder sollte eine beruhigende Zukunftssicherheit darstellen.

Doch leider stellt sich das nur bei oberflächlicher Betrachtung so dar.


Die Diskrepanz zwischen Engagement und öffentlicher Wahrnehmung

Die Lyra-Organisationsstruktur wurde vor drei Jahren insofern verändert, dass ein ordentlicher Vorstand sich bemühen sollte, die organisatorische Last auf den Schultern der Initiatoren Susanne und Jens Rusch zu mindern. Aufgabenbereiche wurden klarer abgegrenzt und hier fand auch eine tatsächliche Entlastung statt. Aber wie überall, wo eine Sache mit Herzblut vorangetrieben wird, änderten sich die eigentlichen Stressfaktoren kaum. Diese kennzeichnen sich nämlich keinesfalls durch manuelle Belastungen, sondern durch Sorge und Unsicherheit. Bekanntermaßen sind das Faktoren, die im ungünstigen Falle sogar krank machen können.

Wenn Informations-Routinen unterbrochen werden, weil ein Lokalredakteur eine Veranstaltung einfach nicht ankündigt, weil sie seinem persönlichen Geschmack nicht entspricht, oder wenn aufwändig erstellte Flyer per Anweisung regelmäßig im Papiermüll orstansäßiger Supermärkte verschwinden, dann zeichnen sich erste Symptome dieser Art ab. Hier kommt ein verhängnisvoller Faktor ins Spiel: Zuverlässige und absehbare Routine. Wenn man sich darauf verlassen darf, dass auch künftige Veranstaltungen die hinlänglich bekannten Mechanismen notwendig machen, schleicht sich eine gewisse Koketterie ein, man erprobt ein Wechselspiel von Abhängigkeiten.

Sicherheit könnte einem Förderverein für Kulturarbeit allein die Solidarität der Mitgliederstruktur bieten.


Anspruch zwischen Solidarität und Konsum

Ich könnte an dieser Stelle falsch verstanden werden, daher betone ich ausdrücklich, dass ich weit davon entfernt bin, gerade jene zu kritisieren, die mit ihrem jährlichen Mitgliedsbeitrag von 20.- Euro das Herzstück des Vereines ausmachen, der sich bemüht, die genannten Strukturen aufrecht zu erhalten.

Einem Veranstaltungsbesucher ist im Regelfall das eigene Erleben eines Konzertes oder einer Lesung das wichtigste Anliegen. Lyra-Mitglieder haben aber einen weiteren Schritt vollzogen: Sie haben verstanden, dass es in ihren Händen liegt, dass solche Events überhaupt erst möglich wurden. Ohne Ihren Beitrag wäre Lyra handlungsunfähig.

Leider darf aber auch nicht unterschlagen werden, dass wir auf eine Reihe von Veranstaltungen zurückblicken, bei denen von 250 Mitgliedern gerade einmal vier anwesend waren.

Der untenstehende Artikel markiert einen Status Quo, der Fragen aufwirft. Ein hochkarätiges Konzert, wie eben das hier genannte mit dem großartigen Dirk Darmstaedter, darf deshalb als exemplarisch angesehen werden. Nicht viel anders sah es zuvor bei der ebenfalls herausragenden Veranstaltung mit Ulan & Bator aus, die Eingeweihte als einen Glücksfall künstlerischer Solidarität begreifen mögen.

Wie also stellen sich die aufgeworfenen Fragen dar?


Ein Status Quo, der Fragen aufwirft

Mein eigentlicher Beruf ist ein anderer, aber in dieser Situation muss ich mir das karierte Jacket des Veranstalters überstreifen- und dieser übernimmt eine kuriose Verantwortung: Er darf nicht ausschließlich nach eigenem Geschmack und nach eigener Überzeugung handeln.

So könnte man es sehen. Aber wie weit darf diese Zwangsläufigkeit die eigene Überzeugung deformieren, wann beginnen die Kompromisse und wann wird eine Deformation auch für Außenstehende spürbar?

An dieser Stelle erscheint es mir opportun, einen Aspekt besonders ausdrücklich zu erwähnen, der Vielen nicht bekannt sein dürfte: Meine Frau und ich haben uns diese Galerie aufgebaut, um der Ignoranz des lokalen Kulturbetriebes zu entgehen. Es sind Räume entstanden, die für uns in erster Linie unsere eigene Unabhängigkeit symbolisieren.

Als wir den Leerraum zwischen den Bilderwänden mit Musik und wichtigen Worten zu füllen begannen, verzichteten wir von Anfang an auf kommerziellen Nutzen. Seit Beginn erhalten unsere eingeladenen Interpreten das komplette Eintrittsgeld - ohne einen Cent, den wir für uns beanspruchen würden.

Es kamen aber Kosten hinzu, denen wir nicht ausweichen konnten: GEMA, Künstlersozialkasse und Werbung, Unterbringung. Tribute, denen unsere Kollegen der singenden und schreibenden Zunft einen Teil ihrer Existenz verdanken - Ansprüche, die einen würdigen Umgang miteinander ermöglichen. Zur Bewältigung dieser Last gründeten wir Lyra.

Nicht alle eingeladenen Künstler sind bereit, ausschließlich für die Abendkasse aufzutreten. Zu weit die Anfahrtswege, im Norden zu leben wird für uns bisweilen zum geographischen Handicap. Auch der besser bezahlte Auftritt in der nächsten Großstadt entscheidet manchmal über das Risiko einer "Sicherheitsgage". Es ist sicher unschwer nachzuvollziehen, dass wir bei schlecht besuchten Veranstaltungen zwischen 400.- und 800.- Euro zusetzen. Ein Umstand, der weniger den Künstlern anzulasten ist, als jenen, die diese Veranstaltung eben nicht besuchten.

Und ewig grüsst das Murmeltier, wenn zu wenige Besucher eine Veranstaltung goutieren. dann fragen wir uns: "Was haben wir falsch gemacht " ?


Ewig grüsst das Murmeltier

Reflektieren wir die vergangenen zwölf Jahre, dann war unsere Galerie immer dann brechend voll, wenn wir prominente Interpreten einluden, wie Hellmuth Karasek oder Hanne Hoger. Aber das lässt sich nicht ständig wiederholen, denn auch hier setzt der Verein in gleichem Maße zu, wie bereits erwähnt. Ganz einfach, weil bei Prominenten eben berechtigterweise auch der Honoraranspruch höher ist. Niemanden interessiert es, dass die Hälfte des Honorares von Uwe Friedrichsen nicht aus der Lyra-Kasse beglichen wurde, sondern durch meine hierfür geopferten Bilder.

Werden die Alleinstellungsmerkmale "Anspruch" und "Engagement" höher, wird automatisch die Nachfrage geringer. Eine Kausalität, die sowohl Harry Rowohlt, wie auch Sarah Kirsch oder Hilal Sezgin und Karen Duve bestätigen können. Laden wir Nahost-Experten oder Politik-Wissenschaftler ein, wissen wir längst vorher, dass wir im günstigsten Fall mit 20 Besuchern rechnen dürfen.

Ist es aber wirklich das, was wir mit dem Atribut "Förderverein für Kulturarbeit" verbinden wollten? Sind wir nicht einmal angetreten, eine Überzeugung nach außen zu tragen. Wollten wir nicht auch kritischen Fragen auf kultivierte Weise ein Forum bieten? Ist dieser Anspruch nicht der wichtigste Treibstoff für unser Engagement gewesen?

Schauen wir uns das Lamento der ebenfalls engagierten Menschen in anderen Städten und Nachbargemeinden an, so könnten wir indes einen landesweiten, vielstimmigen Chor gründen. Die Tendenzen sind vergleichbar.

Wo also liegen die rätselhaften Gründe für kulturelle Abstinenz?


Kulturelle Abstinenz ?

Die Veränderung von Konsumgewohnheiten sind hinlänglich bekannt. Wer Musik im Internet kostenlos schnorren kann, überlegt es sich mehrfach, ob für ihn oder sie die Ausgabe für eine Eintrittskarte oder eine CD ökonomisch Sinn macht. Wir werden mit einer Generation konfrontiert, die im Regelfall kein einziges Buch mehr im Regal stehen hat, weil man Texte auch online erhält oder man mit eBook und Cloud auch ganz gut klarkommt.

Unsere Eintrittskarten liegen preislich im Schnitt bei 60 % Hamburger Tickets. Armut kann kein Argument sein, wenn wir in Hamburger Konzerten auf Besucher aus unserem Nahbereich treffen, die zusätzliche Kosten wie Benzin oder Fahrkosten, eventuell sogar ein Abendessen, Parkgebühren und fast doppelte Eintrittspreise ohne Murren in Kauf nehmen. In unseren knapp kalkulierten Eintrittspreisen drückt sich ja auch primär der Respekt vor der wirtschaftlichen Situation der geladenen Interpreten aus, weil wir selbst davon absolut keinen Nutzen haben.

Wie also soll es mit LYRA weitergehen ?

Quo vadis LYRA ?

Wir werden zum Jahreswechsel eine Entscheidung treffen müssen.

  • Eine Reduktion von Ansprüchen würde uns möglicherweise den Rest der gerade noch vorhandenen Motivation rauben.
  • Eine Unabhängigkeit von den aufgeführten- und leider ausgesprochen unsicheren- Informationsstrukturen ist im Moment kaum vorstellbar.
  • Eine Frist von ca. zwei Jahren, keine weiteren Verträge und der Versuch, Interpreten auf minimale Konditionen zu verpflichten, erscheinen mir persönlich als ein schmerzhafter Kompromiss. Es wurden solche Vorschläge aber an uns herangetragen und wir werden darüber zu befinden haben.

Siehe auch:

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